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Der 20. Juli

  • Jul. 21st, 2003 at 6:45 PM
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Lieber Claus,

Claus Graf Schenk von Stauffenbergerst heute morgen, als ich das erste Mal das heutige Datum - den 21. Juli 2003 - in das Vorblatt einer Akte eintrug, wurde mir bewußt, daß ich es trotz aller guten Vorsätze wieder vergessen hatte. Gestern nachmittag dachte ich noch daran, als ich bei meinen Eltern weilte und einen ruhigen Sonntag im Kreise meiner Familie genoß. Gestern abend um 22:50 Uhr dachte ich noch daran, als ich meine E-mails abrief. Gestern gegen Mitternacht, als ich eigentlich in Gedanken bei euch sein wollte, lauschte ich statt dessen auf das Gewitter draußen und überlegte, ob ich zur Sicherheit nicht lieber den Computer herunterfahren sollte.

Gestern gegen Mitternacht, vor 59 Jahren, habt ihr euren Mördern ins Gesicht gesehen. Ein kurzer Augenblick nur, ein ähnliches Geräusch wie der Donner gestern - eine Gewehrsalve -, das Mündungsfeuer ganz wie die Blitze, und ihr seid tot vor einer Wand im Hof des Bendlerblocks - heute Stauffenbergstraße - zusammengesackt. Die Plakette an der Wand listet eure Namen auf. Das Blut ist dort längst verschwunden, eure Asche im Namen des Diktators in alle Winde zerstreut, damit man an eurem Grab nicht trauern könne. Vor vielleicht acht Jahren stand ich an genau dieser Stelle, verharrte in Stille. Damals lagen Blumen unter der Plakette, zu eurem Gedenken. In bin mir sicher, daß auch heute dort wieder Blumen liegen.

Ihr ward die Helden meiner Jugend; gestern war die Frage in meinem Geschichtsabitur, die ich lächelnd in Angriff nahm. Der 20. Juli 1944. Nächstes Jahr wird er 60 Jahre her sein und euer Schicksal wird hoffentlich etwas mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ihr werdet immer der Grund sein, aus dem ich rechtsgerichteten Extremismus entschieden ablehne. Eure Wahl war eine verzweifelte in einer verzweifelten Zeit, die trotz waghalsiger, minutiöser Planung in die Katastrophe führte und alle, die sie aktiv unterstützt oder auch nur darum gewußt hatten, in einen grausamen Tod riß. Eure Hinrichtung war vergleichsweise gnädig; ich schaudere, was euch widerfahren wäre, wärt ihr lebend als Exempel vorgeführt worden. Eure Asche mag verweht sein, eure Namen aber bleiben unvergessen.

Laßt uns alle hoffen, daß eure Wahl nicht eines Tages der letzte Ausweg einer neuen Generation sein muß, deren Gewissen sie zu einem ähnlichen Opfer treibt - heißt es doch, daß sich die Geschichte immer wiederholt.

Ich denke an euch.

Eure A. M.

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